„Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.“ Dieser Satz stammt nicht von einem wütenden Demonstranten auf der Straße. Er stammt von Peter Biesenbach, dem ehemaligen CDU-Justizminister von Nordrhein-Westfalen. Sein Resümee bezog sich auf die Aufarbeitung des wohl größten Steuerraubs in der Geschichte der Bundesrepublik: Cum-Ex.
Mindestens 31,8 Milliarden Euro haben sich Banker, Anwälte und reiche Investoren durch kriminelle Aktiendeals aus der Staatskasse zahlen lassen – Steuern, die sie zuvor nie entrichtet hatten. Bereits 1992 warnte ein Beamter aus dem hessischen Wirtschaftsministerium vor den Deals. Doch statt die Lücke zu schließen, passierte das Gegenteil: Warnungen wurden in den Ministerien systematisch ignoriert; die Praxis wurde auf einen Vorschlag des Bundesverbands der Banken sogar zweitweise legalisiert. Heute, 14 Jahre nach Beginn der Ermittlungen, ist die Bilanz ein juristischer Offenbarungseid. Von rund 1.750 Beschuldigten gab es bis Mai 2026 gerade einmal 16 Anklagen. Die jahrelange Chef-Ermittlerin Anne Brorhilker warf 2024 frustriert hin, weil eine schwach aufgestellte Justiz schlichtweg an den Netzwerken der Finanzelite zerschellte.
Das (fast) unlösbare Problem hinter Korruption
Wie können solche Steuerraube passieren, und dann auch noch weitestgehend ungestraft bleiben? Der Elitenforscher Michael Hartmann weist in seinem Buch Die Abgehobenen auf zwei schlichte Gründe hin: Erstens waren und sind die Verbindungen zwischen Staatssekretären und Hochfinanz sehr eng. Zweitens stamm(t)en viele Spitzenbeamte, inklusive Minister, aus reichen Familien.
Die Menschen, die den Staat lenken, sind “den Großen” (die man laufen lässt) also zunächst einfach näher als “den Kleinen” (die man hängt). Und genau dieses Problem ist ein Problem, das man ohne Zuhilfenahme des Losverfahren nicht lösen kann.
In einer vorigen Analyse habe ich schon beschrieben, wie Wahlen strukturell dazu führen, dass Politik von einer abgehobenen, vom Rest der Bürgerschaft weitestgehend abgeschottenen Klasse gemacht wird – und wie das Losverfahren eine Politik von Bürgern für Bürger ermöglicht.
Was ich dabei nicht explizit beleuchtet hatte, war die Frage, weshalb es denn so schlimm ist, wenn Politik von einer abgehobenen, abgeschottenen Klasse gemacht wird. Für viele Menschen scheint dies überhaupt nicht offensichtlich zu sein, teilweise sicherlich aus Gründen, die ihre Wurzeln tief in der abendländischen Ideengeschichte haben (siehe vorige Analyse). Man setzt sich deshalb selten in aller Klarheit und Ehrlichkeit mit dem Phänomen Korruption auseinander. So habe ich das Thema selbst auch die längste Zeit gehandhabt. Aber Schluss damit.
Was Korruption Eigentlich ist
Korruption ist ein systemisches Phänomen, das sich aus ein paar wesentlichen Eigenschaften von Menschen ergibt. Wir Menschen sind als soziale Wesen dafür gemacht, uns an unsere In-Group zu halten. Wir bevorzugen diejenigen, die uns ähnlich sind und mit denen wir im ständigen Kontakt stehen. Zudem sind es auch gerade diese Menschen, die die Macht haben, uns aus der Gruppe auszuschließen. Wir können also oft gar nicht anders, als einen Gefallen zu erwidern.
Das ist im Allgemeinen kein Problem, und war auch evolutionär gesehen völlig funktional, als wir noch in kleinen, überschaubaren, und damit recht egalitären Stämmen lebten. Problematisch wird dieses natürliche Wechselspiel allerdings im Kontext von Entscheidungen, die von einigen Wenigen getroffen werden, auf Kosten von Tausenden oder gar Millionen von Menschen, die nicht mitreden können. Wie das eben in unseren heutigen modernen Großgesellschaften gang und gäbe ist.
Korruption beginnt in der Politik beginnt selten mit einem großen Knall, sondern als schleichende Progression, die aber schon damit ihren Anfang nimmt, dass man politisch aktiv wird. Um überhaupt aufgestellt zu werden und Wahlen zu gewinnen, muss man sich in ein Parteiensystem einfügen. Man braucht Netzwerke, Sponsoren und die Gunst der Fraktionsspitzen. Am Anfang steht man in einer Abhängigkeit und will einfach „nett“ sein. Man erwidert einen Gefallen, man stimmt für ein Projekt, das dem Wahlkreis eines Parteifreundes hilft, man schließt einen taktischen Kompromiss, um die eigene Position zu sichern.
Je weiter man aufsteigt, desto schwerer und folgenschwerer wird dieses Geflecht aus Abhängigkeiten. Man hat eigentlich nur zwei Optionen: Entweder man beugt sich diesen Abhängigkeiten, oder man steigt aus. Marco Bülow war einer der wenigen, der sich bewusst für letztere Option entschieden hatte, nach 18 Jahre Bundestag für die SPD. Er schrieb:
Ich war in einer einflussreichen Partei, die seit 1998 fast ununterbrochen an der Regierung beteiligt ist, saß im Bundestag mit einem nahezu sicheren Mandat und einer Basis, die mich stützte, verfügte über alles Rüstzeug sowie gute Kontakten zu Lobbys und Verbänden und kämpfte um Beschlüsse und Mehrheiten in der Fraktion und auf Parteitagen. Am Ende hatten Argumente, Fakten, politische und gesellschaftliche Mehrheiten keine Chance gegen die Fliehkräfte des Profits und des Lobbyismus. Auch wenn ich weiter Karriere gemacht hätte, hätte ich nicht mehr durchsetzen können, denn ich hätte mich noch stärker dem System und seinen Spielregeln unterordnen müssen. Anpassung und Einbindung bedeuten, die Aufgabe von Veränderungen und Einfluss bekommt man nur bei völliger Akzeptanz der herrschenden Strukturen. Ich hätte weiterhin bloß an den Symptomen herumgedoktert. Marco Bülow, Korrumpiert.
Gruppendenken unter Mächtigen: Ein zusätzlicher Faktor
In unserem Wahlsystem ist die Entkopplung von der Lebensrealität normaler Bürger kein bedauerlicher Zufall, sondern ein struktureller Filtereffekt. Wer in Parlamente oder Ministerien aufsteigt, entstammt meist ohnehin ähnlichen, oft bürgerlich-wohlhabenden Milieus und teilt denselben Habitus. Agiert diese homogene Gruppe dann in der geschlossenen Blase des politischen Betriebs, greift ein fataler Mechanismus: das Gruppendenken (Groupthink). Man bestärkt sich unentwegt gegenseitig in seinen Narrativen, um die systemische Bevorzugung von Lobbyinteressen vor sich selbst zu legitimieren.
Das System dichtet sich dabei nach außen ab. Wie Marco Bülow anmerkt, schreiben Politiker die Gesetze selbst und definieren so, was legal ist. Doch selbst wenn die Grenze zur Kriminalität offensichtlich überschritten wird, greift der nächste Schutzwall. Es gilt das Prinzip: Wo kein Kläger, da kein Richter. Und wer klagt an, wer urteilt? Die Spitzen der Justiz und der Staatsanwaltschaften rekrutieren sich exakt aus demselben elitären Milieu wie die Top-Politiker und Wirtschaftslenker, die sie eigentlich kontrollieren sollen. Man teilt dieselben Netzwerke, denselben Hintergrund, dieselbe Perspektive auf die Welt.
Der Elitenforscher Michael Hartmann illustriert in Die Abgehobenen eindrucksvoll die verheerenden Folgen dieser Kumpanei. Wenn hochrangige Politiker oder eng mit ihnen verwobene Finanzeliten – wie etwa beim jahrelang geduldeten Cum-Ex-Milliardenraub – doch einmal ins Fadenkreuz geraten, fehlt in diesen Kreisen oft jegliches Unrechtsbewusstsein. Stattdessen reagieren die Akteure reflexartig mit Larmoyanz und Selbstmitleid.
Dass solche gigantischen, politisch flankierten Verfehlungen oft ungestraft bleiben oder Verfahren im Sande verlaufen, bedarf nicht einmal geheimer Absprachen oder direkter Bestechungsgelder in der Justiz. Es reicht die systemische Beißhemmung einer homogenen Elite, die sich schwer tut, konsequent gegen Leute vorzugehen, die sie insgeheim als „einen von uns“ begreift. Eine abgehobene Klasse kontrolliert sich de facto selbst – und vergibt sich im Zweifel kollektiv die Absolution.
Die Lösung: Losen
Wir hatten bereits gewusst, weshalb Wahlen strukturell dazu führen, dass Politik von einer abgehobenen, vom Rest der Bürgerschaft weitestgehend abgeschottenen Klasse gemacht wird. Nun haben wir gesehen, warum Korruption in einer solchen Lage unvermeidbar ist. Umgekehrt wird auch ein Schuh daraus: Wenn politische Macht breit verteilt wird und oft rotiert, ohne systematische Bevorzugung irgendeiner Teilgruppe (Partei), dann werden die strukturellen Treiber von Korruption weitestgehend ausgeschalten. Und genau das kann nur eine Losdemokratie leisten, denn das Losverfahren ist der einzige völlig unparteiische Entscheidungsmechanismus.
An dieser Stelle möchte ich kurz auf einen oft geäußerten Einwand eingehen: Dass geloste Menschen ja auch korrumpierbar wären. Aber dieser Einwand verkennt, dass Macht in einer Losdemokratie maximal breit verteilt ist und oft rotiert, und somit eben die Grundlage wegfällt für alle die Phänomene, die ich oben beschrieben haben. Das gilt natürlich für das System als ganzes, aber auch schon auf der Ebene eines einzelnen gelosten Gremiums.
In einem gelosten Gremium sitzen Menschen, die diese Position niemandem zu verdanken haben. Außerdem ist das Gremium heterogen, da man ja aus den verschiedensten Mileus kommt. Man kennt sich nicht und lernt sich auch nicht tiefer kennen, ist höchstens ein paar Monate zusammen im Amt, und geht danach auch wieder getrennte Wege. Des weiteren wird man natürlich eine Losdemokratie so einrichten, dass kein einzelnes Gremium über seine eigene Diäten oder Amtszeit bestimmen kann – das wäre absurd, und würde von allen anderen Bürgern als illegitim angesehen werden. Damit fehlen die Grundlagen für die heute in der Politik übliche Selbstbedienung.
Die Mitglieder eines gelosten Gremiums werden natürlich “trotzdem” Beschlüsse fassen, die in ihrem Interesse sind. Aber da sie ja eine heterogene Gruppe sind, die in ihrer Zusammensetzung die Gesellschaft wiederspiegelt, ist das kein Problem mehr, sondern sogar explizit erwünscht.
Okay, Selbstbedienung gibt es nicht mehr. Was aber mit Bestechung von Außen?
Heute reicht es für eine Lobby oft aus, wenige Schlüsselfiguren – etwa Ausschussvorsitzende oder Ministeriumsspitzen – auf ihre Seite zu ziehen. Das passiert nicht über Nacht, sondern über einen langen Zeitraum der Annäherung und Abhängigmachung. In einem gelosten Gremium müsste man hingegen eine Mehrheit von beispielsweise 150 fremden, unabhängigen, und daher unvorhersehbaren Bürgern erfolgreich bestechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass bei derart vielen Versuchen nicht ein einziger Bürger den Versuch meldet und die Sache auffliegt, geht gegen null. Da die Bürgerschaft in diesem System selbst die Macht hat, würde ein aufgedeckter Versuch zur sofortigen juristischen Verfolgung des Bestechers führen. Das Risiko ist also schlicht so hoch, dass sich Bestechungsversuche nicht lohnen. Um Korruption noch unwahrscheinlicher zu machen, könnte man zusätzliche Regeln einführen, zum Beispiel könnte man Bürgern Kopfgelder dafür zahlen, Bestechungsversuche zu melden.
Losdemokratie tut allen gut
Das mag sich nun bisher so gelesen haben, als ob „die Mächtigen“ einen homogenen Block formen, der nur sich selbst dient, und somit kein Interesse haben kann an Losdemokratie. Aber so ist es natürlich nicht. Eliten kämpfen untereinander um Macht. Für Geldeliten gilt es unter anderem, auf die politische Gewinnerseite zu setzen, und dort zu netzwerken und Abhängkeiten zu schaffen. Man muss also Lobbyismus betreiben. Wer das nicht tut, riskiert, ins Hintertreffen zu geraten. Das hört sich relativ harmlos an, kann aber fatale Folgen haben, da ja ein Wahlsystem eine Tendenz zu Totalitarismus beziehungsweise Faschismus hat (wie bereits beschrieben).
Das Austragen von Machtkämpfen sowie das Ausschalten des eigenen inneren Lichts sind auf die Dauer nicht sonderlich gesund – das sollte jedem einleuchten. Und somit verwundert es auch nicht, dass es immer wieder Politiker gibt, die aus gesundheitlichen Gründen Ämter niederlegen.
Das Losverfahren wirkt den Grüppchenlogiken entgegen, die andernfalls unweigerlich zu einer pyramidenförmigen Gesellschaft mit korrupter Spitze führen. Das Losverfahren entzieht Vetternwirtschaft und Klüngel den Nährboden, und befreit uns aus den permanenten Machtkämpfen, die zuverlässig zu moralisch zweifelhaften Handlungen verleiten. Eine ernsthafte Einführung des Losverfahrens in der Politik würde uns allen gut tun.
