Politische Macht fair verteilt: Was das Losverfahren einzigartig (und unverzichtbar) macht

Eine Wortwolke mit den Wörtern: unparteiisch, amoralisch, unkreativ, emotionslos, vorurteilsfrei, gedankenlos, arational, unvorhersehbar, unkreativ, willenlos, leidenschaftslos, unambitioniert, gedankenlos

Es gibt viele Gründe, sich für das Losverfahren in der Politik zu interessieren. Aber im Grunde hängt alles an einer zentralen, einzigartigen Eigenschaft des Loses. Leider ist diese Eigenschaft nicht sonderlich intuitiv und oft missverstanden: Arationalität. Sie macht das Losverfahren zu einem unverzichtbaren Mechanismus für die faire Verteilung von politischer Macht. Aber zunächst von vorne.

Der Politiktheoretiker Oliver Dowlen charakterisiert das Los als das einzige Verfahren, das eine „arationale“ Entscheidung erzeugt: eine Entscheidung, die weder durch menschliche Kognition noch durch menschliche Interessen beeinflusst wird. Zwar kontrollieren Menschen natürlich den Kontext der Entscheidung (z.B., was oder wer ist im Lostopf? Wie viele Losziehungen gibt es? Was wird verlost?), aber nicht die Losentscheidung selbst.

Natürlich sind Losziehungen wie auch Wahlen und Abstimmungen in Prinzip technisch manipulierbar. Aber: Es gibt beim Los keine legitime Einflussnahme. Wenn wir sagen, wir wollen losen, dann meinen wir: Wir wollen ein Verfahren, auf das kein Mensch Einfluss nehmen kann. Manipulationsresistenz wird zum obersten Gebot; jede versuchte Einflussnahme ist nicht nur illegitim, sondern auch illegal, und soll strengstens geahndet werden.

Die arationale Natur des Loses hat zwei sehr wichtige Konsequenzen.

1. Das Los verhindert eine Zementierung politischer Macht

Niemand kann seine Loswahrscheinlichkeit gegenüber den anderen im Lostopf erhöhen.

  • Nicht durch Geld
  • Nicht durch Medienmacht
  • Nicht durch Status
  • Nicht durch strategische Selbstdarstellung

In Wahlsystemen hingegen ist der Zugang zu politischen Ämtern prinzipiell optimierbar:

  • Kampagnen erhöhen Sichtbarkeit
  • Ressourcen erhöhen Kampagnenqualität
  • Netzwerke erhöhen Mobilisierung
  • Amtsinhaber akkumulieren Vorteile

Das ist nicht unbedingt Korruption. Es ist schlicht Systemlogik. Wer rational handelt, versucht seine Chancen zu maximieren. Diejenigen mit den erforderlichen Ressourcen sind im Vorteil. Sie können ihre Ressourcen damit in Prinzip auch immer weiter ausbauen, vor allem wenn die entsprechenden Skrupel fehlen. Strukturell steht einer Autokratie also nichts entgegen. Dasselbe gilt für Systeme, die auf andere rationale Verfahren bauen (z.B. Berufungsverfahren). Nur das Los schafft hier durch seine Arationalität eine Entkopplung.

2. Das Los ermöglicht eine breite Verteilung politischer Macht

Die arationale Natur des Loses hat noch eine zweite, oft übersehene Konsequenz. Das Verfahren selbst verbraucht praktisch keine kognitiven Ressourcen. Wahlen tun das sehr wohl. Damit Wahlen überhaupt irgendwas leisten können, müssen Wähler sich mit Kandidaten, Programmen und Alternativen befassen. Das kostet Aufmerksamkeit, Zeit und Informationsverarbeitung – Ressourcen, die in jeder Gesellschaft begrenzt sind. Deshalb können Wahlen nicht beliebig oft stattfinden, ohne dass ihre Qualität leidet.

Das Los stellt dieses Problem nicht. Man kann beliebig oft auslosen, ohne dass Bürger dafür zusätzliche Informationsarbeit leisten müssen.

Gerade deshalb erlaubt das Losverfahren etwas, das Wahlen kaum ermöglichen: Eine sehr weitgehende Verteilung und häufige Rotation politischer Verantwortung. Man kann es auch so sehen: Das Los ist ein Mechanismus zur fairen politischen Arbeitsteilung.

Einfluss verschwindet nicht komplett – aber Selektionsmacht schon

In politischen Systemen lassen sich zwei Fragen unterscheiden:

  1. Wer gelangt in Entscheidungspositionen?
  2. Wer beeinflusst Entscheidungen?

Das Los trennt zumindest die erste Ebene vollständig von Ressourcen und strategischem Verhalten. Das bedeutet aber nicht, dass Einfluss verschwindet. Agenda-Setting, Experteninput, Medienumfeld – all das bleibt zunächst relevant. Aber: Wenn die Legislative selbst gelost ist – etwa in Form rotierender themenspezifischer Bürgergremien – dann werden die diesbezüglichen Abläufe bzw. Regeln (z.B. Medienregulierung) regelmäßig von neu zusammengesetzten Bürgergruppen gestaltet. Es entsteht keine dauerhaft reproduzierbare Selektionselite. Für die Exekutive und Judikative wäre es in Prinzip auch denkbar, direkt geloste Gremien einzusetzen. Aber praktisch wäre es wahrscheinlich sinnvoller, diese ähnlich wie bisher zu gestalten, mit einem wichtigen Zusatz: Sie unterstünden gelosten Kontrollgremien (Grafik). Diese würden sicherzustellen, dass das Exekutiv- und Judikativ-Personal die Beschlüsse der Legislative nicht ungeahndet für ihre privaten Vorteile (um-)deuten kann. Zumindest zu einem großen Teil.

Es ist eine in zwei Hälften geteilte Infografik. Links ist überschrieben mit "So funktioniert ein gelostes Gremium." Darunter ist ein Prozess abgebildet: 1. "Zufallsauswahl" ("Geloste BürgerInnen: repräsentativ, unabhängig, unkorrumpiert"). 2. "Expertenwissen" ("Expertenwissen wird transparent und ausgewogen hinzugezogen."). 3. "Gruppenphase ("Kleine wechselnde Gruppen entwickeln Ideen gemeinsam."). 4. "Konsentprinzip" ("Enschieden wird, was den geringsten Widerspruch findet.") und 5. "Umsetzung" ("Spitzenpersonal setzt die Beschlüsse um") Die zweite Hälfte der Infografik ist mit "So funktioniert Losdemokratie" überschrieben. Darunter Text: "In einer Losdemokratie werden Bürgergremien regelmäßig neu per Los besetzt. So kann sich kein Klüngel bilden. Zudem kommt so nach und nach jeder mal an die Reihe. Gremien finden auf allen Ebenen statt, von Bundesebene bis Kreisebene. Jedes Gremium hat eine andere Aufgabe. Zum Beispiel sind denkbar: Bearbeitung einer Sachfrage, z.B. Wie bauen wir Bürokratie ab? Wie verteilen wir das Budget? Wie schützen wir unsere Umwelt? Bearbeitung einer Demokratiefrage, z.B. Wie (oft) losen wir? Wie funktionieren Gremien im Detail? Was für Gremien brauchen wir? Berufung von Spitzenpersonal wie z.B. Minister oder Bürgermeister (alternativ werden solche Posten weiterhin durch Wahlen vergeben) Kontrolle von Spitzenpersonal Spitzenpersonal muss regelmäßig vor einem zuständigen Kontrollgremium Rechenschaft ablegen"
Unverbindliche Ideen für die Ausgestaltung einer Losdemokratie.

Direkte Demokratie allein kann das nicht leisten

Auch in einer direkten Demokratie gibt es begrenzte kognitive Ressourcen. Auf die eine oder andere Weise muss eine Arbeitsteilung erfolgen, um das anfallende Pensum an politischer Arbeit verrichten zu können. Da ein Mechanismus fehlt, der Verantwortung und die damit einhergehende Macht arational auf viele Schultern verteilen könnte, werden wieder rationale, also optimierbare Mechanismen wichtiger. Denkbare Beispiele für Einflussnahme sind:

  • Medienkampagnen
  • Vorteilhaftes Framing von Abstimmungen (jemand muss ja die Abstimmungsfragen formulieren und das Begleitmaterial erstellen)
  • Plattformkontrolle, z.B. durch vorteilhafte Algorithmen
  • Selbstinszenierung

Im Vergleich zu einer Losdemokratie sind diese Interventionen in einer direkten Demokratie besonders wirksam, da die Bürger in einer direkten Demokratie keine Ressourcen haben, sich mit allen Fragen tief zu befassen (anders als ein speziell für ein bestimmtes Thema gelostes Gremium). Menschen, die genügend Ressourcen für solche Interventionen haben, können ihre Ressourcen in einer direkten Demokratie also systematisch nutzen, um ihre Macht weiter auszubauen.

Ohne Los geht’s schief

Die Verwendung des Loses ist keine hinreichende Bedingung für eine (stabile) Demokratie. Aber sie ist eine notwendige Bedingung, weil seine arationale Natur zwei strukturelle Probleme moderner Demokratien adressiert:

  • die strategische Reproduktion politischer Macht bis hin zu vollständiger Abschottung nach unten (Autokratie)
  • die extreme Konzentration politischer Verantwortung auf wenige Akteure

Unter anderem deswegen schreiben wir Losdemokraten uns das Los auf die Fahnen. Nicht, weil wir denken, dass das Los all unsere Probleme magisch verschwinden lassen würde. Sondern weil wir es uns nicht leisten können, das Losverfahren weiterhin im Werkzeugkasten vergammeln zu lassen.

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