Faschismus oder Losdemokratie – Wir haben die Wahl

Links im Bild sieht man eine Gruppe von Menschen, die zusammengebündelt ist, zusammen mit einer großen Axt (in Anlehnung an die "fascia"). Rechts im Bild sind man geloste Bürgerräte.

“Schlussendlich führt Lagerdenken immer nur zu einem Ort – ins Lager.” Andreas Andy Artmann

Faschismus hat viele Definitionen und Gesichter. Aber welcher Zugang zu Faschismus erlaubt es uns am ehesten, unseren heutigen Herausforderungen zu begegnen? Ich kenne einige Zugänge, inklusive den von Amlinger und Nachtwey, den Autoren von Zerstörungslust. Aber diese sind nur sehr begrenzt brauchbar außerhalb des akademischen Diskurses. Der Philosoph Vlad Vexler spricht oft davon, dass man im politischen Diskurs robuste Begriffsdefinitionen braucht. Als mögliches Beispiel nennt er: “Fascism is when opponents of the regime are arbitrarily taken away in the middle of the night”. Dieses Konzept von Faschismus ist nicht von komplexen Konzepten abhängig.

Für mich hat Ardalan hier eine gute Balance gefunden. Seine Faschismus-Definition ist zwar nicht ganz so simpel wie der obige Satz, aber robust genug für LinkedIn. Die Idee ist, dass sich Faschismus gut als eine “Blutlogik” fassen lässt: Die institutionalisierte Überzeugung, dass manche Menschen aufgrund ihrer Herkunft wertvoller sind als andere. Während eine klassische Aristokratie diese Logik nur auf eine kleine Elite anwendet (“blaues Blut”), überträgt der Faschismus sie unter modernen Bedingungen auf größere Gruppen (“Herrenrasse”), um eine staatliche Einheit herzustellen. Man muss “Blutlogik” übrigens nicht rein biologistisch auffassen. Im italienischen Faschismus zum Beispiel war “Rassen”-Klassifikation auch abhängig von “kulturellen und spirituellen” Faktoren.

Dieses Thema ist nicht angenehm. Aber statt Faschismus einfach zu verurteilen und uns danach schöneren Gedanken zuzuwenden, ist es wichtig zu verstehen, weshalb Faschismus überhaupt entsteht – und weshalb er für manche Menschen sogar attraktiv wird.

Faschismus liegt heute näher als uns lieb sein kann

Wir leben in einem System, das sich zwar “Demokratie” nennt, aber faktisch von einigen Wenigen gelenkt wird. Wie ich bereits in Analyse 2 dargelegt habe, ist das Konzept der politischen Vertretung theoretisch wie praktisch undemokratisch. Wir haben es mit einem System zu tun, das Ungleichheit institutionell zementiert, und das ist, zumindest historisch gesehen, auch so gewollt. Im 18. Jahrhundert verstand man noch, dass Wahlen nicht demokratisch sind: Die Gründervater der USA wollten explizit keine Demokratie, sondern eine “Republik” – was im Endeffekt nur ein Euphemismus für Wahlaristokratie ist.

Faschismus liegt heute näher als uns lieb sein kann:

  1. Die wahlaristokratisch zementierte Ungleichheit bereitet den Nährboden für Hass, den faschistische Strömungen für ihre Zwecke kanalisieren können.
  2. Auch Wahlaristokratie rechtfertigt Herrschaft.
  3. Wahlaristokratie hat eine natürliche Tendenz, in ein totalitäres System umzuschlagen.

1. Ressentiment

In einem System, das einen großen Teil der Bevölkerung politisch entmündigt, entsteht ein massives Gefühl der Ohnmacht – vor allem, wenn man nicht mehr daran glaubt, dass es einem in Zukunft besser gehen wird. Die Menschen entwickeln Bestrafungs- und Rachefantasien gegen ein System, das sie als ungerecht erleben, das sie nicht respektiert. Es ist der Versuch, wieder eine Form von Selbstwirksamkeit zu spüren: „Wenn ich schon nichts zu sagen habe, dann kann ich zumindest dafür sorgen, dass ihr auch leidet.“

Ich kenne diese Dynamik aus meiner eigenen Biografie. Ich wurde als Kind gemobbt. Die anfängliche Wut wurde zu Hass; nach einigen Jahren hatte ich regelmäßig Gewaltfantasien. Es ging darum, den Schmerz zurückzugeben. Das war recht krass, aber ich nehme an, dass auch viele von euch zumindest kleinere Unterdrückungserfahrungen hinter sich haben – und die korrespondierenden internen Reaktionen. Wer wollte nicht schonmal seinem Chef so richtig eins auszuwischen, selbst wenn es einem selbst geschadet hätte?

Auf individueller Ebene bleibt Hass oft recht folgenlos, da man als Einzelner riskiert, ausgeschlossen oder bestraft zu werden, wenn man seine Fantasien in Taten umsetzt – sofern man dazu überhaupt in der Lage wäre.

Auf kollektiver Ebene ist das etwas anders. Dort hat Hass eine Funktion: Wenn “uns” Fremde weh tun oder bedrohen, dann schweißt uns unser gemeinsames Feindbild zusammen. “Wir” entwickeln eine stärkere Gruppenidentität. Das erlaubt es, gemeinsam Widerstand zu leisten, oder gar den Feind auszulöschen.

2. Rechtfertigung von Herrschaft

Wut und Hass richten sich gegen das Bestehende. Faschistische Bewegungen können diesen Affekt für ihre Zwecke kanalisieren, aber sie versprechen nicht nur eine Zerstörung des Alten, sondern auch das Entstehen einer neuen Ordnung, die auf “Blutlogik” basiert. Faschismus erscheint also auch deshalb attraktiv, weil es jenen, die sich im aktuellen  System machtlos oder wertlos fühlen, eine neue Hierarchie anbietet, in der sie selbst weiter oben stehen.

Amlinger und Nachtwey gehen in ihrem Buch an mehreren Stellen auf biologistisches Denken ein, zum Beispiel hier:

„Die faschistische Version der Freiheit lautet: ‚Freiheit zu dominieren, zu herrschen‘ – und sie hängt eng mit dem Wettbewerbsdenken und dem Pochen auf dem Recht des biologisch Stärkeren zusammen.“

Es ist an dieser Stelle wieder einfach, dies moralisch zu verurteilen. Moralische Verurteilung schafft Distanz – so muss man sich nicht mehr an der eigenen Nase fassen. Aber genau das brauchen wir an dieser Stelle, denn im Prinzip ist unser heutiges politisches System einem faschistischen System viel näher, als uns lieb sein kann.

In einer Wahlaristokratie gibt es zwar das Ideal der “politischen Vertretung” anstatt einer “Freiheit zu dominieren”. Aber ganz abgesehen davon, dass politische Vertretung eine Illusion ist, gibt es auch in einer Wahlaristokratie Narrative, die Herrschaft recht offen rechtfertigen. Zentral ist hier das Narrativ des politischen Wettbewerbs. Nur die Besten, die “Aristoi”, sollen mitreden dürfen, zum Wohle aller; die Wahl dient hierzu als Filtermechanismus. Das wird zwar heute oft nicht laut gesagt, war aber historisch gesehen eine wichtige Motivation hinter dem Wahlsystem. Man stößt auch heute noch manchmal auf solche Rechtfertigungen. Zum Beispiel höre ich manchmal, dass viel zu viele Menschen zu ungebildet wären für eine Losdemokratie. Im Prinzip ist das ein Pochen auf das “Recht des Gebildeteren”, und sei es “nur” aus einem paternalistischen Impuls. Das ist zunächst auch nicht zwingend verwerflich, schließlich ist es überhaupt nicht offensichtlich, dass eine funktionierende Gesellschaft ohne Herrschaft möglich ist. Dennoch läuft man natürlich in Gefahr, in dieser bequemen Sichtweise zu verharren, und alle möglichen Makel in demokratischeren Ansätzen zu finden.

Dieses aristokratische Denken hat natürlich auch Auswirkungen auf unsere Kultur, und trägt somit direkt zur Entstehung von Ressentiment bei. Hierzu fand ich eine interessante Passage in Zerstörungslust:

“Bourdieu attestierte der neuen Mittelklasse einen »ethischen Snobismus«, der über »symbolische Waffen« wie Pädagogik und Informationen »moralische Herrschaft« stifte. Eine solche Herrschaft unterdrücke nicht mit roher Gewalt, sondern diszipliniere und normalisiere die Individuen über subtile Formen der Erziehung – natürlich stets nur zu ihrem Besten.”

Aber vielleicht noch wichtiger als diese tieferen Beweggründe ist die Oberfläche: Dass wir als Gesellschaft akzeptiert haben, dass politische Macht durch Wahlen in den Händen einiger Weniger konzentriert wird. Wenn man beim Wahlkampf genügend Stimmen gewinnt, dann darf man ans Ruder – “so ist das halt in einer Demokratie, und wenn dir das nicht passt, dann geh doch nach Russland oder sonstwohin” (so ähnlich schon gehört). Wäre es verwegen, auf die Idee zu kommen, dass sich manche solche Menschen zur Not auch mit einem faschistischen Regime abfinden könnten, solange sie selbst weiter oben in der Hierarchie stünden?

3. Tendenz zu Totalitarismus

Man kann also erwarten, dass sich in einer Wahlaristokratie ab einem gewissen Punkt eine Eigendynamik entwickelt. Es merken viele Leute, dass sie ein gemeinsames Feindbild haben: Es wächst eine oppositionelle Partei. Durch das Wachsen dieser Partei zieht sie aber auch zunehmend Menschen an, die stark durch Opportunismus motiviert sind: Wenn ich in dieser Partei mitmache, dann werde ich in der Hierarchie, die im Falle eines Parteierfolgs kommt, weiter oben stehen. Hierbei ist das Ziel jeder Parteispitze natürlich möglichst viel Gefolgsleute, die sie ja braucht, um ihre Zwecke verfolgen zu können. Die Gruppendynamik innerhalb von Parteien führt zu Unterdrückung von Dissonanzen. Am besten ist der gesamte Planet auf Parteilinie. Simone Weil, die ich schon einmal zitiert habe, hat es so beschrieben:

“Die wesentliche Tendenz der Parteien ist somit totalitär, nicht nur hinsichtlich einer Nation, sondern hinsichtlich der ganzen Erde. Gerade weil die Konzeption des Gemeinwohls irgendeiner Partei eine Fiktion, ein leeres Ding ohne Wirklichkeit ist, muss sie nach totaler Macht streben. Jede Wirklichkeit impliziert von selbst eine Grenze. Was gar nicht existiert, lässt sich niemals begrenzen.” Aus: Anmerkung zur generellen Abschaffung der politischen Parteien

Wenn gerade “die Falschen” an der Macht sind, werden im Zweifel auch mal Regimegegner willkürlich inmitten der Nacht entführt. Es gibt kein Naturgesetz, das besagt, dass sich Parteienkampf für immer und ewig nur auf Wahlzetteln abspielen muss, auch wenn manche Menschen dem Grundgesetz so eine Wirkung zuzuschreiben scheinen.

Das hört sich alles nicht sonderlich appetitlich an, ist aber noch kein Faschismus nach Ardalans Definition. Es ist schlicht Parteilogik und ihre nicht sonderlich unwahrscheinlichen Konsequenzen. Faschistische Strömungen können sich aber gut in diese Logik einbetten, schließlich eignet sich Blutlogik ja dafür, Gefolgsleute hinter sich zu vereinen und damit den Parteienstreit zu gewinnen.

Echte Demokratie: Schluss mit Hass und Herrschaft

Ein weitaus demokratischeres System ist nicht nur möglich, es wäre auch ein wirksames Gegenmittel gegen die faschistischen Tendenzen der Moderne. Der Schlüssel hierfür ist das Losverfahren.

  • Isonomie: Wenn ein Grundzug des Faschismus die Überzeugung ist, dass manche Leben wertvoller sind als andere, dann ist die Antwort darauf eine staatliche Ordnung, die die Gleichwertigkeit aller Menschen tatsächlich institutionell würdigt. Das Los erlaubt es, dem Ideal der Ebenbürtigkeit aller Bürger sehr nahe zu kommen. In einer Losdemokratie gibt es keine “Herrscher” und “Beherrschte” mehr. Dadurch fällt die Ursache für Ressentiment weg.
  • Losdemokratie als Empathie- und Lösungsmaschine: Geloste Bürgerversammlungen bringen Menschen zusammen, die sich im Alltag niemals auf Augenhöhe begegnen würden. Hier sitzen Person A und Person B physisch an einem Tisch, ohne Wiederwahldruck und Profilierungszwänge. Man wächst zusammen an der gemeinsamen Aufgabe. Zudem findet man nicht nur Lösungen, sondern auch gesellschaftlich tragfähige Lösungen – weil man zusammen beschließt, statt dass sich Gruppe A gegen Gruppe B durchsetzt. All das entzieht auf Dauer den meisten Rechtfertigungen von Herrschaft den Boden.
  • Entmachtung von Parteien: Das Losverfahren ist arational (siehe Analyse 1) – es ist unbeeindruckt von politischer Macht, Geld, Status oder populistischen Versprechungen. So wird systematischer Machtakkumulation und der Errichtung totalitärer Regimes ein Riegel vorgeschoben.

Fazit

Unser heutiges System ist Faschismus viel näher und ähnlicher, als uns lieb sein kann.

Es gibt aber auch gute Nachrichten. Zum Beispiel die oben genannte Tatsache, dass wir Wahlen als legitim erachten. Das eröffnet uns zumindest in der Theorie die Möglichkeit, das jetzige System gewaltlos zu demokratisieren, selbst wenn wir nicht an dessen Spitze stehen. Es muss kein König stürzen oder plötzlich zum Losdemokraten werden – es braucht “nur” klare Impulse an der Wahlurne. Dafür wird es natürlich schon Unterstützung von ein paar mächtigen Menschen brauchen, aber immerhin müssen wir nicht alle, die derzeit Macht haben, überzeugen.

Eine weitere gute Nachricht ist, dass demokratische Werte heute recht tief verwurzelt sind. Das demokratische Ideal lautet im Kern: Alle Bürger sind sich politisch ebenbürtig. Dieses Ideal stand zwar – aus Gründen – noch nie im Zentrum unseres “Demokratie”-Diskurses. Dennoch ist es tief genug in unserer Kultur verwurzelt, um über alle Wählerschichten hinweg zu resonieren (siehe z.B. die Ergebnisse des Deutschland-Monitors 2025).

Das alles war nicht immer so, und es wird auch nicht für immer so bleiben. Wir sollten das Beste aus dieser relativ glücklichen Ausgangslage machen.

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