Und…? Hat das jemand behauptet?
Nur weil in Athen nicht alles perfekt war, heißt das nicht, dass es eine schlechte Idee wäre, eine Losdemokratie einzuführen.
Nur weil in Athen nur männliche Athener Vollbürger sein konnten, heißt das nicht, dass wir das ebenfalls so machen müssen.
Wir können natürlich auch aus den Fehlern Athens lernen. Verrückter Gedanke, oder? Aus der Geschichte lernen! Das wäre doch mal was. Ich habe in dieser Analyse z.B. geschrieben:
Die attische Demokratie: Unvollkommen und dennoch unerreicht
Um es vorwegzunehmen: Nein, Athen war weit davon entfernt, perfekt zu sein. In einigen Punkten sind wir den Athenern heute natürlich auch voraus. Insbesondere gab es damals Sklaverei, und Frauen waren komplett von politischer Teilhabe ausgeschlossen. Aber damit hatte Platon kein großes Problem.
Auch die Art und Weise, wie sich die ca. 40.000 Vollbürger Athens organisierten, kann man kritisieren. Zum Beispiel das oberste Gremium der attischen Demokratie, die Volksversammlung. Die Volksversammlung war zwar oberflächlich gesehen egalitär, aber durch ihre schiere Größe (mehrere Tausend Mitglieder) enorm anfällig für Demagogie. Oft setzte sich derjenige durch, der am lautesten und rhetorisch gewieftesten war.
Die Volksversammlung war deshalb auch kein Raum für gemeinsames Nachdenken (Deliberation), ebensowenig wie die Gerichtsprozesse, in denen recht wenig beraten wurde. Das führte dann auch manchmal zu Entscheidungen, die man im Nachgang bereute (siehe z.B. Arginusenprozess). Mit diesem Aspekt der attischen Demokratie hatte Platon ein Problem. Dies ist auch nachvollziehbar. Aber es lag ihm fern, darüber nachzudenken, wie man demokratische Institutionen und Prozesse optimieren könnte, damit mehr Raum für Deliberation entsteht. Denn Platon befand einfach, dass angemessenes Nachdenken und Entscheiden in einer Demokratie unmöglich wären, und verurteilte Demokratie ganz pauschal als Pöbelherrschaft. Dadurch geriet die Idee von Demokratie selbst in Verruf – und wurde auch nie wieder institutionell verwirklicht.
Im Übrigen war es eben nicht so, dass in Athen nur reiche Menschen den vollen Bürgerstatus erlangen konnten. Es war auch keine kleine Elite, sondern es gab rund 35.000 Vollbürger, darunter Arme wie Reiche.
Man könnte, wenn man frech wäre, wohl sogar mit einigem Recht sagen, dass in Athen, das rund 250.000 Einwohner zählte, mehr Menschen etwas zu sagen hatten als heute in ganz Deutschland! Wer das nicht glaubt: In Deutschland bestimmen laut Elitenforscher Michael Hartmann 4.000 Menschen über die Politik des Landes – mehr nicht (siehe z.B. seine Aussagen hier).